Portrait

Während des Schreibens bin ich am 06. Januar 2017 70 jährig geworden. Roli, der mittlere unserer drei Kinder, hat mir zum Geburtstag einen Lebenslauf gezeichnet, geschrieben und zusammen mit Irène, der ältesten und Urs dem jüngsten an der Geburtstagsfeier im „Sternen“ Sitzberg gesungen.

Also nachstehend die Kurzform, auf die ich echt stolz bin:

 

036_36aFahrdienstleiter in Zürich Herdern

Heute bin ich etwas mehr als 70 Jahre alt. Wer mir das Sammlergen mitgegeben hat, ist nicht bestimmt feststellbar. Meine Mutter ist es kaum. Sie hatte einen ausgeprägten Ordnungssinn. Sieht der Besucher auf meinen Bürotisch, habe ich das Sammlergen eher von meinem Vater mitbekommen. In Turbenthal im Tösstal wurde ich geboren und verbrachte dort meine ganze Schulzeit. Damals sammelte ich, was in einen Hosensack passte. Schneckenhäuschen und Steine waren das bevorzugte Sammelgut. Mein erstes, bewusst aufgenommenes Bild ist, als mein Vater seine Spur 0-Eisenbahn aufstellte. Auf glänzenden Messingschienen drehte die zweiachsige HAG-Lok mit je einem BUCO-Gepäck und -Personenwagen ihre Runden auf dem 75er-Kreis. Immer an Weihnachten bekam die Bahn Zuwachs.  Hinzu kamen Weichen, Signale, noch mehr Gleise, ab und zu ein zweiachsiger Personen- oder Güterwagen, endlich eine zweite Lok, eine BUCO 304, für diese Lok drei HAG-Schnellzugwagen und als Höhepunkt die ersehnte Doppelkreuzweiche in Messingausführung. Dieser Engländer bedurfte jedoch eines Weichenwärters. Nur mit Mühe erreichten die Zungen ihre Endstellung. In der Wohnung war bald kein Platz mehr für die Spur 0-Bahn vorhanden. Meine Eltern führten in Turbenthal an der Tösstalstrasse 95 ein Tuch- und Kleidergeschäft unter dem Namen Stahel & Cie. An hohen kirchlichen Feiertagen, wenn das Geschäft für zwei Tage geschlossen war, war für die Spielzeugeisenbahn im Hause Platz. Nach dem Reinigen des Ladenlokales und dem auf Stützen Stellen der Kleiderständer verlegten unser Vater, manchmal auch die Mutter, mein Bruder Hansruedi und ich die Gleise. Die jüngere Schwester Margrit hatte andere Interessen. Die Anlage habe ich heute noch vor Augen. Mit neun Jahren wünschte ich mir meine eigene Eisenbahn. Mit der berühmten Märklin Spur H0-Packung, die eine Dampflok CM800 und drei Personenwagen 427 enthielt, begann für mich das persönliche Eisenbahnzeitalter. Geschenke erhielten wir Kinder nur an Weihnachten und am Geburtstag. Ein ganzes Jahr spielte ich mit meiner Anlage in Form einer 8 und war glücklich und zufrieden. Jahr für Jahr erfuhr die H0-Bahn Ergänzungen in Form von Weichen, Signalen, ab und zu einen Wagen und endlich einer zweiten Lokomotive, der Re 4/4 Nr. 427 mit der im Katalog verzeichneten Nummer 3014. Am 23. Dezember 1962 kam der im HAG-Katalog als Neuheit angekündigte BFe 4/4-Triebwagen auf die eigenen Gleise. Damals war noch Geschwindigkeit gefragt. Und dieser machte das HAG-Modell alle Ehre. Die Aufnahmeprüfung in die Verkehrsschule St.Gallen liess meinen schon seit der zweiten Klasse der Primarschule gehegten Wunsch, Eisenbahner zu werden, in die Nähe rücken. Auch wenn von uns Schülern einiges abverlangt wurde, möchte ich von diesen zwei Jahren in St.Gallen keine Minute missen. Die Kameradschaft in unserer Klasse war einmalig. Bei den späteren Klassentreffen macht manche Anekdote, vornehmlich über die Lehrerschaft, die Runde. Wer erinnert sich nicht an die Namen „Tube“, „Monsieur Fièr“, „Kodak“, „Grüess Gott, setzt euch, nehmt die Notizen“ und weitere damalige Vorgesetzte. Im Frühling 1965 begann meine Laufbahn als Stationslehrling in Bauma. Mein Oberstift Werner war auch ein begeisterter Modelleisenbahner. Mit ihm das erste Lehrjahr verleben zu können, muss ich heute als Privileg bezeichnen. Das praktische Wissen, das er mir vermittelte, stand in keinem Tarif oder Reglement. Auch die Lehrvorstände zeigten mir verständnisvoll, was es heisst, ein Eisenbahner zu werden. Das zweite Lehrjahr verbrachte ich in Hinwil. Die Militärtransporte, Lastwagen, Centurion-Panzer oder die Züge mit ausgemusterten Fahrzeugen nach Uetendorf an die Versteigerung, werde ich nie vergessen. Auch den ersten grösseren Unfall, eine Kollision Zug-Auto auf einem auf Stationsgebiet gelegenen unbewachten Bahnübergang, zum Glück nur mit Verletzten, hatte ich zu überstehen. Auf dem Gericht musste ich den Ablauf dem Staatsanwalt genau schildern. Mit 19 Jahren ein Verhör mit Protokoll vergisst man nie mehr. 1967 im Januar nach bestandener Prüfung wurde ich von der Personalabteilung als ambulanter Beamter mit dem Titel „Stationslehrling geprüft“ nach Dinhard versetzt. Der dortige Stationsvorstand trug den Namen „Schopenhauer“. War er mit Direktiven der Verwaltung in Zürich nicht einverstanden, erläuterte er mir die Stellung des Stationsverstandes. Bis zu diesem Zeitpunkt war für mich das „Reglement über den Stationsdienst“ sakrosankt. Ich war Ruhetagsablöser auf den Stationen Dinhard, Seuzach, Thalheim-Altikon, Stammheim, Ramsen und Islikon. Im selben Jahr absolvierte ich als Luftschutzsoldat die Rekrutenschule in der Caserne des Vernets in Genève. Fast bin ich geneigt zu sagen, ich hätte 17 Wochen Aktivferien bekommen. In der Romandie gefiel es mir ausgezeichnet. Und wieder hatte ich das Glück, charakterfeste Offiziere und Unteroffiziere kennen zu lernen. Rasch verflog die Zeit. Nach der RS begann die weitere Laufbahn an meinem Wohnort Turbenthal im Tösstal, wiederum als Ruhetagsablöser. Der Winter 1967/68 war hart. Bis zu 50 cm Neuschnee im Januar und Februar waren keine Seltenheit. Weichenheizungen waren im Tösstal ein Fremdwort. In den Zugspausen hiess es die Weichenzungen vom Schnee zu reinigen und Sättel zu schmieren. Ein Stationsarbeiter war nur in Turbenthal und Rikon eingestellt. Auf den übrigen Stationen hatte ich als Beamter alle Arbeiten, vom Reinigen der WCs bis zur Stellvertretung des Vorstandes zu übernehmen. Doch ich war selbständiger Eisenbahner und freute mich an meinem Beruf. Dank dem unregelmässigen Dienst und dem Zimmer im elterlichen Haus (Hotel Mamma) konnte ich meinem Hobby, der Modelleisenbahn, weiter frönen. Dank den Spesen für Mahlzeiten und Uebernachtungen ausserhalb des Dienstortes konnte ich sparen und mir ab und zu Zuwachs für meine H0-Märklin-Eisenbahn leisten. Die BUCO Spur 0-Eisenbahn war während meiner Verkehrsschulzeit an Franz Suter in Küssnacht am Rigi verkauft worden. Am 20.Januar 1968 lernte ich am Detailistenabend im alten Gasthof zum Bären Susi kennen. Die Unterhaltungsabende der verschiedenen Vereine und Organisationen sind im Tösstal Tradition. Von Schuhmachermeister Adolf Wunderlin erhielt ich den Auftrag, den sogenannten Lawinentanz zu eröffnen. Meine jüngere Schwester Margrit war meine erste Tanzpartnerin. Die zweite war in der Folge Susi. Der Anlass dauerte bis morgens um 02.00 Uhr. Um 05.10 Uhr hatte ich Dienstantritt in Rämismühle-Zell. Es wurde eine kurze Nacht mit Schlafen im Schnellzugstempo. Zudem begann es zu schneien. Das Schneeräumen auf den Perrons und das Reinigen der Weichen hielten mich den ganzen Tag wach. Die Eisenbahn spielte auch in Susis Leben eine Rolle. Onkel Hans und Bruder Röbi waren von Beruf Lokomotivführer. Die elterliche Wohnung lag in Zürich im Kreis 4 (hinter den sieben Gleisen, Bäckerei Zürrer) an der Hohlstrasse 192 unweit der Langstrasse und des berüchtigten Tessiner Kellers, besser bekannt unter dem Namen „Räuberhöhle“. Das Gebäude des Konsumvereins Zürich an der Hohlstrasse  grenzte unmittelbar an den Güter- und Rangierbahnhof Zürich. Vom Balkon hatte man freie Sicht auf den Wipkingerviadukt. Langsam aber sicher begann sich in meinem Leben noch etwas Zusätzliches als nur die grosse und die kleine Eisenbahn zu bewegen. Am 23. März 1968 begleitete mich Susi auf eine Dampflokfahrt auf der Schwarzwaldbahn. Was nimmt eine junge Frau nicht alles auf sich! Mit meiner Bolex P4 – Normal 8-Kamera hielt ich den Tag fest. Später wollte ich Susi meine Märklin H0-Anlage im Mansardenzimmer meines Elternhauses in Turbenthal zeigen. Andere Jungen versuchen dies mit dem Präsentieren der Schallplatten- oder Briefmarkensammlung. Zu meinem Aerger konnte ich die Anlage nicht in Betrieb setzen. Ein Kurzschluss verhinderte das stolze Vorführen meiner Modelleisenbahn. Ich schwitzte und suchte. Plötzlich zeigte Susi auf einen Oberleitungsfahrdraht, der sich gelöst und auf die Metallgleise gesenkt hatte. Die Vorführung war gerettet und von da an reifte in mir die Ueberzeugung, die richtige Freundin gefunden zu haben. Ein weiteres Ziel hatte ich vor Augen. Ich wollte auf über hundert verschiedenen Bahnhöfen Dienst tun, bevor eine Heirat ins Auge gefasst wurde. Den Herren Oberhänsli und Bosshard auf dem Personalbüro teilte ich bei einem Gespräch meinen Wunsch mit und sie halfen mir tatkräftig, dieses Ziel zu erreichen. Mit vier weiteren Kollegen bekleidete ich das Amt eines ambulanten Beamten ohne feste Vorauseinteilung. Susi machte glücklicherweise mit. Zum Teil arbeitete ich von sieben Arbeitstagen auf fünf verschiedenen Dienststellen vom Rheintal bis nach Kaiseraugst. Von Dezember 1971 bis April 1972 war die Station Oberglatt mit wenigen Unterbrüchen mein Dienstort. Das dortige Team nahm mich ohne Schwierigkeiten auf und wir genossen das Berufs- und das Privatleben. Ein bis zwei Mal im Monat organisierten wir einen Jass- oder Kegelnachmittag, was den Teamgeist förderte. An den Werktagen (Montag bis Freitag) von 04.00 Uhr in der Früh bis Nachts um 01.00 Uhr verkehrten bis zu 180 Züge auf dem Abschnitt Zürich Oerlikon – Bülach. Hier war ich im Element und konnte den Eisenbahnerberuf richtig ausleben. Um den Zugsbetrieb möglichst störungsfrei und pünktlich abzuwickeln, standen wir mit der Zugüberwachung in Zürich in stetiger Verbindung. Die Arbeit und der Wunsch auf die sogenannten ZUe zu wechseln, begann mich zu reizen. Mit dem Dienstort Oberglatt war mein angestrebtes Ziel der über 100 Dienststellen erreicht. Auf den 6. Mai 1972 hatten Susi und ich das Datum der Trauung und Hochzeit festgelegt. Der Anfang der 1970er Jahre machte es jungen Paaren schwer, eine bezahlbare Wohnung in der Stadt zu finden. In Dollikon, einer Wacht der Gemeinde Meilen, fanden wir eine Dreizimmerwohnung. Gewohnt, dort zu arbeiten, wo man wohnt, hatte ich plötzlich Schwierigkeiten, mir den Arbeitsweg von Obermeilen nach Zürich an die Langstrasse, täglich 24 Kilometer, vorzustellen. Während der Wohnungssuche wurde in der Station Meilen die Stelle eines Souschefablösers frei. Ich bewarb mich und bekam eine Zusage. Der dortige stellvertretende Stationsvorstand machte mir die Stelle zusätzlich schmackhaft mit der Bemerkung: „In Meilen läuft etwas.“ Das in Bezug auf den Zugsverkehr, Zürich – Meilen – Rapperswil war die erste Linie mit starrem Fahrplan und 30-Minuten-Takt, und ebenso auf den Güterverkehr mit der Produktion AG, einem Migros-Betrieb und verschiedenen kleinen und mittelgrossen Betrieben. Nach Oberglatt, so dachte ich mir, hatte ich die richtige Stelle gefunden und gab den Gedanken, an die ZUe zu wechseln, auf. Zudem war mein Lehrvorstand, den ich sehr gut mochte, in Meilen Dienststellenleiter geworden. Was wollte ich mehr. Eine Wohnung am rechten Zürichseeufer war für Susi und mich ein Privileg. Nach der Hochzeit, am 06. Mai 1972 und der Hochzeitsreise nach Marokko, begann mein Dienst auf der Station Meilen. Nach je einer Woche Früh, Mittel- und Spätdienst bekam ich mit meinem Arbeitsplatz Mühe. Der Zugsbetrieb und der Rangierdienst entsprachen nicht meinen Vorstellungen. Jede halbe Stunde zur selben Minute einen Zug in Richtung Zürich und in Richtung Rapperswil abzufertigen,  konnte mich nicht fordern. Der Rangierdienst fand meistens in der Handweichenzone der Produktion AG Meilen statt. Der Beamte hatte nur die Funktion der Aufsicht. Im Verkauf hingegen kam ich auf meine Rechnung. Mit dem Stationsvorstand Heinrich Dürst, den Kollegen, den Lehrlingen und dem Arbeiterpersonal pflegten wir ein ausgezeichnetes Verhältnis. Aber das „Gewisse Etwas“ fehlte mir. Susi hatte bei der VERNICOLOR AG eine Halbtagesstelle als Kaufmännische Angestellte gefunden und fühlte sich wohl. Die Wohnung in Obermeilen war geräumig und liess mir sogar Platz, meine Modelleisenbahn auf dem Fussboden des dritten Zimmers aufzustellen. Doch ich hatte den Drang, den Arbeitsort zu wechseln. Immer wieder suchte ich nach Möglichkeiten. Nach zwei Jahren war im Stellenbulletin die Stelle eines Disponenten auf der Zugüberwachung in Zürich ausgeschrieben. Das musste es sein! 1974 im August, Susi war mit dem ersten Kind in Erwartung, wechselte ich von Meilen an die Langstrasse 175 in Zürich. Wohl trug ich keine Uniform mehr, doch endlich hatte ich wieder genug Züge. Die Arbeit war äusserst anspruchsvoll und verlangte volle Konzentration, auch wenn man keine sicherheitsdienstlichen Aufgaben zu übernehmen hatte. Die Kollegialität liess nichts zu wünschen übrig, die Vorgesetzten streng aber gerecht. Mir gefiel es ausgezeichnet. Das einzige Handcap war der schon einmal erwähnte Arbeitsweg, vor allem im Spätdienst von Meilen nach Zürich, quer durch die Stadt. Einen Parkplatz hatten wir auf der Viehrampe, unmittelbar bei der Schnuderstube nach der Langstrassenunterführung. Der Blick ging nicht immer auf den grafischen Fahrplan und die Uhr. Auch die Langstrasse, Amandas Schnuderstube und gewisse Lokale boten zu jeder Tages- und Nachtzeit Unterhaltung. Die Mehrheit der Kollegen rauchte während des Dienstes. Auch bei mir verglimmte manches Kilo Pfeifentabak. 1975 kam am 26. März unser erstes Kind Irène zur Welt. Zwei Jahre später, am 27. April folgte Sohn Roland und nochmals drei Jahre später am 04. Mai Sohn Urs. Mit der Erwartung des zweiten Kindes suchten wir eine grössere Wohnung. Im November 1976 bezogen wir im Bahnhof Erlenbach ZH eine Vierzimmerwohnung. Nun war ich ein 150-prozentiger Eisenbahner. Wir wohnten im Bahnhof im zweiten Stock mit grossem Balkon und hellen Zimmern. Für Susi wurde es anstrengend. Vor allem mit der Aufsicht der Kinder. Sie konnten nur auf dem Balkon und in der Wohnung spielen. Gleis und Strasse waren als Spielplätze alles andere als geeignet. Täglich spazierte Susi mit den Kindern in den Widenpark. Dort trafen sich die jungen Frauen und viele Freundschaften begannen sich anzubahnen. Zum Teil halten sie heute noch. 1979 wurde ich auf der Zugleitung als Ablöser instruiert. Vor allem die Arbeit als Disponent von Oelzügen war ausserordentlich spannend und interessant. Die Lokleitung war im selben Raum angesiedelt. Mit den Lokdisponenten hatten wir ein kameradschaftliches Verhältnis. Das Lieblingsthema des Chefs Zugleitung war bei Führungen die Vorführung der Rohrpost. Die Jahresschlussfeiern und der Auffahrtsbummel waren die gesellschaftlichen Höhepunkte. Im November 1979 kam ein Lokpersonaldisponent vom Depot Winterthur auf die Lokleitung. Im Spätdienst fand man ab und zu Zeit, über Privates zu sprechen. Kurt erzählte mir von seiner Spur 0-Eisenbahn, für die er keinen Platz mehr habe und die er beabsichtige, sie zu verkaufen. Jetzt wurde ich sofort hellhörig. 1964 hatten wir in Turbenthal unsere BUCO-HAG-Spur 0-Eisenbahn verkauft. Ich fragte nicht nach dem wie viel, wie gross, nicht einmal nach dem Preis. Kurt meinte, dass er mir die Bahn verkaufe, ich müsse einfach alles nehmen. Ich stellte mir vor, dass das Ausmass etwa gleich gross sei, wie bei uns zu Hause. Zwei Lokomotiven, etwa ein Dutzend Wagen und viele Gleise und Weichen. Bald war auch ein Termin für die Uebernahme festgelegt. An einem trüben Nachmittag fuhren wir mit unserem Passat an die Neugasse zu Kurts Familie. Nach dem Austausch der freundlichen Floskeln, wie es Frau und Kindern gehe, ging es in den Keller. Dort lagerten sechs Bananenschachteln, prall gefüllt. Mir wurde es mulmig. Ueber den Preis hatten wir nie diskutiert. In den Schachteln lagerten sechs Loks, gegen vierzig Wagen, eine Riesenmenge Gleise und Weichen und anderes Zubehör. Mein Arbeitskollege machte mir ein einmaliges Angebot. Die Schachteln wurden verladen und erst einmal im Elternschlafzimmer in Erlenbach gestapelt und mit einem Tuch kaschiert. Susi war zu dieser Zeit mit dem dritten Kind in Erwartung. Für Sohn Roland und mich ging die Zeit zu Hause sehr schleppend vorbei. Wann endlich konnten wir die Bahn aufstellen? Tochter Irène träumte von anderen Dingen. Vom 25. auf den 26. Dezember 1979 kam der ersehnte Tag oder besser die Nacht. Am Nachmittag des Heiligen Tages stellten wir vom Kinderzimmer die Wickeltruhe in den Korridor. Das Klappbett verbrachten wir in die platzsparendste Stellung. Das Rüegg-Nägeli-Schreibtischli und der Kniestuhl fanden im Korridor auch noch Platz. Mit dem zweieinhalb-jährigen Roland baute ich anschliessend die Bahn auf. Gleise steckten wir zusammen, Weichen wurden verkabelt und angeschlossen und endlich der Trafo mit den Anschlussklemmen verbunden. Gegen 23.00 Uhr brannte die Kontrolllampe und oh Freude, die BUCO-Lok vom Typ 304 begann zu brummen und zu fahren! Was war das für ein Fest. Schnell kuppelten wir der Lok ein paar Wagen an. Kurz vor Mitternacht hörten wir Susis Bitte aus dem Schlafzimmer, wir möchten endlich Feierabend machen. An Schlaf sei nicht zu denken. Am Stefanstag war Roland am frühesten auf den Beinen. Vom Fahrgeräusch der BUCO-Bahn wurde ich geweckt. Roland hockte strahlend am Trafo. Schlicht, es war der grosse Moment, Weihnachten war gekommen. In der folgenden Woche konnte der Stationswärter von Erlenbach ZH, Albert Hasler, noch zwei Loks zum Fahren bringen. Albert betrieb unter dem Güterschuppen eine grosse Spur 0-Anlage. Mit einem Freund baute er Dampflokmodelle im „Keiser-Stil“. Für uns war dieser Keller ein Eldorado. Mussten keine Stückgüter abgefertigt werden oder war der Kurswagen entladen und der Camionneur bedient, war Albert in seinem Reich zu finden. Dank den Klebezetteln an den Wagenböden lernte ich Herrn und Frau Lehmann an der Dufourstrasse in Zürich im Kreis 8 kennen. Die beiden führten ein Modelleisenbahn-Geschäft. Frau Lehmann sass hinter dem Ladentisch und leitete den Ankauf von gebrauchtem Material und dessen Verkauf. An Neuware hatten die Lehmanns vornehmlich Märklin und HAG H0 am Lager. Fritz Lehmann stand in der Werkstatt. Er besorgte die Reparaturen und wenn es die Zeit zuliess, baute er Modelle in den Spuren 0 und I. Oft stand ich in diesem Laden, um meine Spur 0-Bahn mit Rollendem oder BUCO-Zubehör zu ergänzen. Drei weitere Geschäfte waren meine Favoriten. Zum einen Old Toys, Axel und Ruth Hohl an der Bäckerstrasse und die Storrers an der Froschaugasse. Am Neumarkt besass Peter Ottenheimer sein Geschäft für Blechspielzeug. Die Sammlung begann zu wachsen. In der Wohnung wurde es eng. Roland und Urs spielten mit ihrer H0-Märklin-Eisenbahn. Ich liess die Spur 0-Bahn fahren. Roland träumte von einer FAMA-Bahn in der Spur 0m. An der ersten Börse im Schützengarten in St.Gallen kauften wir die erste Grund- oder Geschenkpackung. Doch wohin mit unseren Schätzen? In jedem Kasten und unter den Betten schauten Kartons mit Eisenbahnen hervor. Meine Susi meinte in den Eisenbahnen zu ersticken. Im Herbst 1986 wurde ich vom Erlengutkomite angefragt, mit einem weiteren Erlenbacher Hobbyeisenbahner, Beat Wüthrich, vom 28. Februar bis 29.  März 1987 im Erlengut eine Spielzeugeisenbahnausstellung mit Schwerpunkt Schweiz zu organisieren. Das Hauswartehepaar Huwyler erklärte sich bereit, beim Aufstellen der Vitrinen und Tische, ebenso beim Apéro, uns mit Rat und Tat beim Aufbau der Infrastruktur beizustehen. Noch vor Weihnachten stand das Konzept fest. Was musste nicht alles organisiert werden. Eine echte Datumpresse musste her, um die selbst gedruckten Billette mit dem Prägestempel zu versehen. Jedes Billett trug eine Laufnummer ab 1 bis  ….., um die Besucherzahl an den fünf Wochenenden festzustellen. Mit SBB-Werbeplakaten dekorierten wir die Eingangstüre und die Wände, um Eisenbahnstimmung aufkommen zu lassen. Die Oeffnungszeiten wurden wie folgt festgelegt. Samstag 14.00 – 17.00, Sonntag 10.00 – 12.00 und 14.00 – 17.00. Allein schon an der Vernissage am Freitag 27. Februar zählten wir mehr als hundert Besucherinnen und Besucher. Die aufgestellten vier Anlagen in den Spuren O, H0, N und Z verlangten nach Aufsichtspersonal. Susi war mit unseren Kindern Jrène, Roland und Urs im Dauereinsatz. Meine Eltern aus Turbenthal halfen ebenfalls mit. Ein paar ältere Schulbuben aus der Nachbarschaft waren immer auf dem Platz. Um persönlich so oft als möglich anwesend zu sein, ich arbeitete damals als Souschef im Hauptbahnhof Zürich, offerierten mir mehrere Arbeitskollegen, meine eingeteilten Wochenenddienste zu übernehmen. Eine richtige Sympathiewelle schwappte uns entgegen. Und die Besucher kamen in Scharen. Nach dem fünften Wochenende zählten wir 2004 Besucherinnen und Besucher. Doch das Platzproblem in der Bahnhofwohnung harrte immer noch einer Lösung. Während der Vorbereitungszeit erschien in der Zürichsee-Zeitung ein Inserat: In Küsnacht Bastelräume zu vermieten. Susi zögerte nicht lange. Mit den beiden Buben fuhr sie noch am Morgen nach Küsnacht, stellte sich beim Hauswart vor und konnte den Mietvertrag für einen achtzehn Quadratmeterraum mit nach Hause nehmen. Es gab wieder Luft in der Wohnung. In der Nacht vom Sonntag auf den Montag, 29. auf den 30. März, zügelte ich die ausgestellten Eisenbahnen nach Küsnacht an die Untere Heslibachstrasse. Ein Chrampf, des sich gelohnt hat. In der Freizeitanlage halfen mir die Leiter, einen Eisenbahntisch zu zimmern. Der Hauswart einer Zürcher Bank lieferte die Gestelle und zwei Lateralschränke. Bald war der Raum so weit eingerichtet, um eine Spur 0-Anlage aus BUCO-Material aufzustellen. Vor allem an Sohn Roland hatte ich im Bastelraum eine grosse Hilfe. Schon als zehnjähriger hatte er „zwei rechte Hände“. Wie oft plante Roli die Einrichtung und verwarf die Pläne wieder, bis alles optimal stimmte. Jetzt bekam meine Sammlung Platz. Die Marken BUCO und HAG in den Spuren 0 und H0, sowie Märklin H0 waren meine Favoriten. Dazu kam noch eine WESA-Bahn, die ich bei Lehmanns an der Dufourstrasse zu einem sehr günstigen Preis erwerben konnte. Stück für Stück fand den Weg in die „Heiligen Hallen“. Roli half mir, weitere Gestelle an die Wände zu montieren. Es war nur noch Leuten mit moderatem Bauchumfang, sich mit mir im Bastelraum aufzuhalten. Nach ungefähr zehn Jahren zügelte ich auf dem gleichen Boden in einen sechsundzwanzig Quadratmeter-Raum. Das Spiel begann von neuem. Und wieder war es Roli, der den Umzug plante und mit mir durchführte.